Zeitrechnung
Die astronomischen Grundlagen
der Zeitrechnung
Der Almagest des Ptolemäus mit dem von Hipparchos
berechneten
Wert für die Länge eines Sonnenjahres gilt als eines
der am weitesten verbreiteten naturwissenschaftlichen Werke
des Altertums und des Mittelalters überhaupt.
Etwa 1272 wurde auf Betreiben König Alfons’ X. des Weisen
von Kastilien und León (1252–1284) in den sog. „Alfonsinischen
Tafeln“ die Jahreslänge auf 365 d 5 h 49 min 16 sec
fixiert, eine Abweichung von nur mehr 30 Sekunden vom
heute gültigen Wert. Der Pariser Quadriviumslehrer Johannes
de Muris (ca. 1300 – nach 1357) sorgte in einer schriftlichen
„Erklärung der Absicht des Königs Alfons mit seinen Tafeln“
(Expositio intentionis regis Alfonsii circa tabulas ejus) von
1321 für die weite Verbreitung dieser Tafeln in Frankreich
und im übrigen Mitteleuropa.
Mit dieser Länge des Sonnenjahres von 10 min 44 sec weniger
als 365¼ d rechneten die spätmittelalterlichen und ein
großer Teil der frühneuzeitlichen Kalenderreformer. Für sie
ergab sich daraus ein Voraneilen des Kalenders gegenüber
dem Sonnenstand um einen Tag in jeweils 134,16 Jahren
(statt 128,19 Jahren). Noch im Verlauf der Auseinandersetzungen
um die Kalenderreform des 16. Jahrhunderts wurde
die Jahreslänge nach den Alfonsinischen Tafeln berechnet. Sie
erwiesen sich bis in die Zeit exakter werdender astronomischer
Beobachtungen und Berechnungen hinein als Grundlage
der Jahreslänge und wurden erst um 1800 endgültig durch die
bis heute geltenden Werte abgelöst.
Die Geschichte der Astronomie und der Kalenderrechnung
zeigt von den frühesten Spuren einschlägiger Bemühungen bis
heute den zugrundeliegenden Versuch, eine möglichst weitgehende
Präzision zu erreichen und auf der Grundlage dieser
Präzision Folgerungen für den jeweils geltenden Kalender abzuleiten.
Dabei ist der grundsätzliche Widerspruch zwischen
Mond- und Sonnenjahren nicht aufzuheben, sondern allenfalls
durch systematische, ständig zu wiederholende Reparaturarbeiten
am Kalender in seinen Auswirkungen zu kontrollieren. Solange aber
die grundsätzliche Entscheidung nicht
aufgegeben wurde, bei einem Kalender mit Mondmonaten zu
verharren, war eine dauerhafte und stetig bleibende Annäherung
der Kalenderjahre an das Sonnenjahr nicht möglich.
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